Das Erwachen der künstlichen Intelligenz

Abbildung: Google Eye
Die New York Times über das Revival der künstlichen Intelligenz – Illustration: Pablo Delcan

Gideon Lewis-Kraus im New York Times Magazine über Googles Ansätze mit künstlicher Intelligenz den beliebten Dienst Google Übersetzer zu verbessern – und wie maschinelles Lernen die Informationstechnik neu definieren wird.

Prolog: Du bist, was du gelesen hast

An einem späten Freitagabend Anfang November war Jun Rekimoto, ein angesehener Professor für Mensch-Computer-Interaktion an der Universität Tokio, dabei sich online auf einen Vortrag vorzubereiten, als er begann, einige Beiträge in den sozialen Medien zu bemerken. Anscheinend war Google Translate, der beliebte Maschinenübersetzungsdienst des Unternehmens, plötzlich und fast unglaublich verbessert worden. Rekimoto ruft Google Translate selbst auf und beginnt damit zu experimentieren. Er war erstaunt. Er musste schlafen gehen, aber Translate hatte seine Phantasie fest im Griff.

Rekimoto schrieb seine ersten Funde in einem Blogpost auf. Zuerst verglich er einige Sätze aus zwei veröffentlichten Versionen von The Great Gatsby, Takashi Nozakis Übersetzung von 1957 und Haruki Murakamis neuere Version, mit dem, was dieses neue Google Translate produzieren konnte. Murakamis Übersetzung ist „in sehr geschliffenem Japanisch geschrieben“, erklärte mir Rekimoto später per E-Mail, aber die Prosa ist eindeutig „Murakami-Stil“. Im Gegensatz dazu liest sich Googles Übersetzung – trotz einiger „kleiner Unnatürlichkeiten“ – „transparenter“.

Die zweite Hälfte von Rekimotos Post untersuchte den Dienst in die andere Richtung, von Japanisch nach Englisch. Er gab schnell seine eigene japanische Interpretation der Eröffnung zu Hemingways Schnee auf dem Kilimanjaro ein, dann übersetzte Google Translate diese Passage zurück ins Englische. Er veröffentlichte diese Version neben Hemingways Original und fuhr damit fort, seine Leser einzuladen, zu erraten, was die Arbeit einer Maschine war.

NO. 1:

Kilimanjaro is a snow-covered mountain 19,710 feet high, and is said to be the highest mountain in Africa. Its western summit is called the Masai “Ngaje Ngai,” the House of God. Close to the western summit there is the dried and frozen carcass of a leopard. No one has explained what the leopard was seeking at that altitude.

NO. 2:

Kilimanjaro is a mountain of 19,710 feet covered with snow and is said to be the highest mountain in Africa. The summit of the west is called “Ngaje Ngai” in Masai, the house of God. Near the top of the west there is a dry and frozen dead body of leopard. No one has ever explained what leopard wanted at that altitude.

[Anmerkung des Übersetzers: hier das Original von Hemingway]

Kilimanjaro is a snow-covered mountain 19,710 feet high, and is said to be the highest mountain in Africa. Its western summit is called the Masai „Ngaje Ngai,“ the House of God. Close to the western summit there is the dried and frozen carcass of a leopard. No one has explained what the leopard was seeking at that altitude.

Sogar für einem englischen Muttersprachler ist der fehlende Artikel des Leoparden der einzige wirkliche Hinweis, dass Nr. 2 die Ausgabe eines Automaten war. Ihre Ähnlichkeit war die Quelle der Verwunderung Rekimotos, der mit den Fähigkeiten des vorherigen Übersetungsdienstes gut vertraut war. Nur 24 Stunden früher hätte Google die gleiche japanische Passage wie folgt übersetzt:

Kilimanjaro is 19,710 feet of the mountain covered with snow, and it is said that the highest mountain in Africa. Top of the west, “Ngaje Ngai” in the Maasai language, has been referred to as the house of God. The top close to the west, there is a dry, frozen carcass of a leopard. Whether the leopard had what the demand at that altitude, there is no that nobody explained.

Rekimoto teilte seine Entdeckung seinen etwa hunderttausend Followern auf Twitter mit, und in den nächsten Stunden twitterten tausende von Menschen über ihre eigenen Experimente mit dem maschinellen Übersetzungsdienst. Einige waren erfolgreich, andere gut für komische Effekte. Als die Morgendämmerung über Tokio anbrach, war Google Translate der Nr. 1 Trend auf im japanischen Twitter, knapp über einigen Kult-Anime-Serien und der lang erwarteten neuen Single einer Girl-Idol-Supergruppe. Jeder fragte sich: Wie wurde Google Translate so unheimlich raffiniert?

Vier Tage später versammelten sich ein paar hundert Journalisten, Unternehmer und Werbetreibende aus aller Welt im britischen Ingenieurbüro von Google für eine besondere Ankündigung. Die Gäste wurden mit Übersetzer-Glückskeksen begrüßt. Ihre Papierscheine hatten eine ausländische Phrase auf der einen Seite – meine war auf norwegisch – und auf der anderen Seite eine Einladung zum Download der Übersetzer-App. Die Tische wurden mit Tabletts von Donuts und Smoothies, jeweils mit einem Schild, das seinen Geschmack in deutsch (zitrone), portugiesisch (baunilha) oder spanisch (anzana) beworben. Nach einer Weile wurde jeder in ein plüsches, dunkles Theater eingeleitet.

[Anmerkung des Übersetzers: eingeleitet? Sind Sie auch über dieses Wort gestolpert? Dann haben Sie vier Sätze oder 82 Wörter lang nicht bemerkt, dass Sie eine maschinengenerierte Übersetzung gelesen haben. Ich habe den letzten Absatz einfach von Google Translate übersetzen lassen (Stand: Mai 2017 – hier finden Sie die aktuelle Version der maschinellen Übersetzung). Zurück zum letzten Absatz: die Papierscheine waren Notizzettel. Auch wurden die Tische nicht beworben – der Automat hat das set einfach übergangen – sondern gedeckt. Beworben wurden die Tabletts mit den Erfrischungen. Und dann hat die Maschine Plüsch auch noch adjektiviert. Kreative Fehler, oder etwa nicht?]

Foto: Sundar Pichai
Sundar Pichai, CEO von Google, vor seinem Büro in Mountain View, Kalifornien – Foto Brian Finke für die New York Times

Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, stand auf, um ein paar Eröffnungsworte zu sprechen. Ein Freund, fing er an, hatte ihm vor kurzem gesagt, er erinnere ihn an Google. „Warum, weil ich alle Antworten kenne?“ fragte der Bürgermeister. „Nein“, antwortete der Freund, „weil du immer versuchst, meine Sätze zu beenden.“ Die Menge kicherte höflich. Khan schloss mit der Vorstellung von Googles Vorstandsvorsitzenden, Sundar Pichai, der daraufhin die Bühne einnahm.

Pichai war zur einen Teil in London, um dort das neue Gebäude von Google zu eröffnen, den Eckpfeiler eines neuen Wissensquartiers im Bau am King’s Cross, und zum anderen Teil, um den Abschluss der Anfangsphase einer Unternehmenstransformation vorzustellen, die er im vergangenen Jahr angekündigt hatte. Das Google der Zukunft, sagte Pichai mehrmals, würde „AI first“ sein. Was das in der Theorie bedeutete, war kompliziert und hatte zu vielen Spekulationen eingeladen. Was es in der Praxis bedeutete, war – mit etwas Glück -, dass die Produkte des Unternehmens bald nicht mehr die Ergebnisse der traditionellen Computerprogrammierung darstellen würden, sondern von „maschinellem Lernen“.

[Anmerkung des Übersetzers: Das Google der Zukunft – aktuell von Google Translate noch übersetzt als „Die Google von der Zukunft“.]

Eine exklusive Abteilung im Unternehmen, Google Brain, wurde vor fünf Jahren auf diesem Grundprinzip gegründet: künstliche „neuronale Netze“, die sich mit der Welt über Versuch und Irrtum vertraut machen, wie es Kleinkinder tun, können so etwas wie menschliche Flexibilität entwickeln. Diese Vorstellung ist nicht neu – eine Version davon geht zurück auf die frühesten Stadien der modernen Datenverarbeitung in den 1940er Jahren – aber für einen Großteil seiner Geschichte sahen die meisten Informatiker es als irgendwie verrufen an, ja sogar mystisch. Seit 2011 aber hat Google Brain gezeigt, dass dieser Ansatz für künstliche Intelligenz viele Probleme lösen kann, die jahrzehntelange konventionelle Anstrengungen über den Haufen werfen. Die Spracherkennung funktionierte nicht sehr gut, bis Brain sie überarbeitete; die Verwendung maschinellen Lernens machte ihre Leistung auf Google’s mobiler Plattform, Android, fast so gut wie menschliche Transkription. Das gleiche gilt für die Bilderkennung. Vor weniger als einem Jahr hat Brain zum ersten Mal ein Endkundenprodukt von Grund auf erneuert, und die bedeutenden Ergebnisse wurden an diesem Abend gefeiert.

Weiterlesen …

Fragen? Anregungen? Kritik? Schreiben Sie einen Kommentar.